Sie befinden sich hier:
25. Januar 2012

Gesundheitsrisiko Weichmacher – Bericht zur Expertenanhörung am 25.1.2012 in Mainz


Fotos: Franz Froeßl, Umweltministerium Rheinland-Pfalz


Dr. Marike Kolossa-Gehring, Umweltbundesamt


Sarah Häuser, BUND Bundesverband


Dr. Heribert Wefers, BUND Bundesverband


In 2011 veröffentlichte der BUND seine Studie über mit Weichmachern belastete Kindertagesstätten. Daraufhin lud das rheinland-pfälzische Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten zur Expertenanhörung „Bisphenol-A und Weichmacher – Wie hoch ist das Risiko für Mensch und Umwelt“ mit BUND, Chemieindustrie und Umweltbundesamt am 25.1.2012ins Mainzer Rathaus.
Vertreten waren 2 ExpertInnen des BUND, 2 ReferentInnen der Chemieindustrie sowie drei Sachverständige von Umweltbundesamt, Bundesinstitut für Risikobewertung und dem Ökoinstitut Freiburg.

Bisphenol-A (BPA)

Nach dem Einführungsvortrag von Prof. Dr. Dirk Bunke (Ökoinstitut) ging es in die Anhörung der ExpertIinnen zum Stoff Bisphenol-A (BPA). Die Referentin Dr. Gisela Stropp (Plasticseurope) argumentierte damit, dass BPA bestens untersucht sei und dessen Freisetzung an die Umwelt unter dem Grenzwert (Tolerable Daily Intake (TDI), deutsch: duldbare tägliche Dosis) liegt. Zwar sei nachgewiesen, dass BPA erbgutschädigend wirken kann, aber dies konnte bei Tierversuchen nicht reproduziert werden. Sie betonte, dass es viele Studien gibt, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Der BUND-Experte Dr. Heribert Wefers konterte darauf, dass die Mehrheit der Studien zu nachteiligen Ergebnissen für BPA führen. Er führte aus, dass der Hausstaub ja nur Indikator ist, was alles an Weichmachern in Kitas auftritt und die wirkliche Belastung höher liegt. Dazu kommt die besondere Anfälligkeit von Kindern, weil sie im Entwicklungsstadium sind. Auch stellte er die Frage, wenn das französische Umweltministerium bereits BPA in Lebensmittelverpackungen verboten hat, warum nicht bei uns? Er forderte das deutliche Verschärfen des TDI Grenzwerts aufgrund der kumulativen Risiken. Ebenso sollten alternative Stoffe eingesetzt und die Produkte bei denen BPA verwendet wurde, gekennzeichnet werden, um dem Verbraucher die Entscheidung zu ermöglichen.

Der Referent vom Bundesamt für Risikobewertung, Dr. Detlef Wölfle, der auch die kontroverse Debatte erwähnte und auf den Widerspruch hinwies, dass BPA nicht wie bisher bekannt eine schädliche Überproduktion des Hormons Östrogen verursache, sondern anderen Studien nach stattdessen hemmt. Ansonsten berief er sich auf den gerade als unzureichend kritisierten Grenzwert, nach dem sich in der Bewertung zu richten sei und deshalb keine Gefahr besteht.

Phthalate (Weichmacher)

Referent Dr. Rainer Otter von der BASF vertrat die Meinung, dass keine Gefahr seitens der Weichmacher besteht, weil der Körper diese schnell wieder ausscheidet. Der jetzige TDI-Grenzwert sei ausreichend. Aber er stellte auch fest, dass die Grenzwerte der einzelnen Stoffe bei der Hälfte der Kinder bereits erreicht sind, zusätzlich bei einem Teil der Kinder (mindestens 6%) regelmäßig überschritten werden, dies sei aber kein Grund zum Handeln.

BUND-Expertin Sarah Häuser machte hingegen eindringlich deutlich, dass es sehr wohl besorgniserregend ist, wenn der Grenzwert, welcher an sich bereits zu gering ist und nicht alle Stoffe beachtet, dann sogar noch überschritten wird. Dazu kommt eine Zusatzbelastung, die von den Räumen ausgeht, wie PVC-Böden und anderen Einrichtungsgegenständen aus denen Weichmacher austreten. Auch verwies sie darauf, dass die benannten Stoffe bereits alle auf der Kandidatenliste für die zu verbietenden Stoffe sind. Phthalate sind ein Zusatzrisiko welches die Entstehung von Asthma, Allergien, bestimmten Krebsarten und Hormonschädigungen steigert. Alternativen im Innenausbau sind nach Frau Häuser Holz, Glas und Kork. Auch kann Polyethylen statt Phthalaten benutzt werden. Dies ist allerdings teurer in der Herstellung und darum für die chemische Industrie weniger profitabel.

Die Referentin Dr. Marike Kolossa-Gehring vom Umweltbundesamt war aufgrund ihrer eigenen Daten der Meinung, dass die 3-14-jährigen noch höher belastet sind, als bisher angenommen. So werden für alle bisher genannten Stoffe die Grenzwerte häufig überschritten. Sie erinnerte daran, dass Selbstverpflichtungen wenig Veränderungen erzeugen und dass erst bei Verboten und Regulierungen ein spürbarer Wechsel bei der Industrie festzustellen sei. Weiterhin wurde die BUND-Studie begrüßt, weil Sie das Bewusstsein für die Thematik schärft. Die Berechnung des TDI wurde auch von Frau Kolossa-Gehring als zu eingeschränkt kritisiert und eine Verschärfung gefordert. Dabei muss auch dringend die höhere Aufnahme der Stoffe von Kindern einbezogen werden, was der TDI ignoriert.

In der anschließenden Diskussion wurde die Meinung geäußert, dass alle Weichmacher reguliert werden müssen. Falls sie nicht ausdrücklich erforscht und einwandfrei als unbedenklich eingestuft werden, sollen sie erstmal nicht zugelassen werden. Frau Kolossa-Gehring merkte zudem an, dass es besonders bedenklich ist, dass die unregulierten und noch kaum bis gar nicht erforschten Stoffe zunehmen.

Text: Florian Elz


Die Vorträge unserer beiden ReferentInnen zum Download:
Vortrag BUND Wefers (539 kb)

Vortrag BUND Häusser (748 kb)


Nachbericht des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft Ernährung, Weinbau und Forsten:
www.mulewf.rlp.de/einzelansicht/archive/2012/january/article/-3bee556755/

Weitere Infos des BUND Bundesverbandes
www.bund.net/themen_und_projekte/chemie/zukunft_ohne_gift/

Für eine Zukunft ohne Gift

Staubproben aus über 200 Kindergärten nahm der BUND-Bundesverband näher unter die Lupe - mit einem erschreckenden Ergebnis: im Durchschnitt waren die chemischen Belastungen durch Weichmacher in den Kindertagesstätten dreimal höher als in normalen Haushalten.
Forderungen an die Verbaucherministerin Ilse Aigner die Verwendung gefährlicher Weichmacher in allen Produkten im Umfeld von Kindern zu verbieten, blieben bislang ohne Erfolg.
Schreiben Sie deshalb Ihren direkt gewählten Bundestagsabgeordneten an und fordern Sie ihn dazu auf, sich bei Frau Aigner für eine Zukunft ohne Gift einzusetzen. Mehr...
Wählen Sie einfach einen Kita-Standort aus der Karte und schreiben Sie eine E-Mail an Ihre/n Abgeordnete/n.


Zukunft ohne Gift: Kinder vor Schadstoffen schützen


Unsere Untersuchungen haben gezeigt: Zahlreiche Kitas sind überdurchschnittlich stark mit giftigen Weichmachern belastet. Auch Bisphenol A wurde nachgewiesen. Das muss sich ändern! Deshalb fordern wir die Politik zum Handeln auf. Machen Sie mit! Fordern Sie Verbraucherschutzministerin Aigner auf, den Schutz unserer Kinder voranzutreiben! Für die Gesundheit unserer Kinder – für eine Zukunft ohne Gift. 
Mehr...

Pressemitteilung vom 09.09.2011



Suche

Metanavigation: