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"Grüner Wall im Westen" - wie die Natur neue Lebensräume erobert.

Text und Fotos: Walter Stutterich / Pirmasens

Der sogenannte Westwall, der 1938 an der deutschen Grenze zwischen Kleve und Basel errichtet wurde, ist ein wichtiges Mahnmal. Nach dem Krieg wurden viele Wehranlagen gesprengt, die übrigen gerieten in Vergessenheit. Heute sind sie für den Naturschutz und den Denkmalschutz von hoher Bedeutung.

BUNDaktive vor Ort setzen sich dafür ein, dass die Biotopfunktion der Bauwerke, ihre Einbindung in die Kulturlandschaft und der Denkmalcharakter der Anlagen bewahrt wird.

Der Westwall - oder das Bollwerk im Westen - wurde als Worthülse der NS-Propaganda missbraucht.

 


Ruinen als interessante Biotope


Bunkerreste im Biosphärenreservat Pfälzerwald mit Moosen überzogen. Fast vergessen hat die Natur Besitz ergriffen. Kaum eine Störung solange die Maschinen nicht kommen und „aufräumen“.

In den vergangenen 60 Jahren hat sich die Natur die Ruinen der gerühmten Bauten zurückerobert. Mit der Zeit haben sich diese unnützen Klötze in wertvolle Biotope verwandelt. In den Stollen haben sich Fledermäuse angesiedelt und die Wildkatze sucht zwischen den Betontrümmern Deckung. Nicht dass dort nun die heile Natur zu finden oder der Hort aller besonderen Arten zu erwarten ist, aber wir finden an diesen Erdhügeln und offenen, zerrissenen Betonwänden viele Pflanzen- und Tierarten, die in der sonstigen Landschaft mittlerweile durch Straßen, Siedlungen und intensiv Nutzung verschwunden sind. Zuvor hatte es in fast dreißig Jahren gut ein Dutzend Anläufe gegeben, die Zerstörungswut der Behörden aufzuhalten. Selbst der Vorschlag, die Bunker in das System der vernetzten Biotope aufzunehmen, wurde abgelehnt. Dutzende von Arbeiten junger Studenten, die peinlich genau festhielten, was es denn an den Burgen der Neuzeit alles an Pflanzen und Tieren zufinden gibt, haben nichts geändert. Sehr umfangreiche Untersuchungen über die Moosflora hat Oliver Röller dokumentiert.


Heute Schutzraum für Tiere und Pflanzen - ehemals Kleinbunker für Maschinengewehre. Der vordere Kleinkampfstand war offen. Der hintere hatte einen Deckel. In diesem zweiten, gedeckelten Unterstand sollten bei schwerem Beschuß, die Schützen Schutz suchen.

1940 nur zu etwa 60 % fertig gestellt und auch später nie vollendet, war dieser Wall von den damaligen "Größen" allerdings hervorragend in Szene gesetzt, um dem nicht vollendeten Werk eine größtmögliche Wirkung zu verleihen.


Nest einer Amsel in einer Telefonnische vor dem Eingang zum Bunker. Angenehm schattig und mit bester Aussicht. Hinter Lüftungspanzer, oder wie hier in Nischen, aber auch in größeren Hohlräumen nisten Vögel am Westwall gerne. Ihnen gefällt die Ruhe in den Ruinen.

Zertrümmerung der Bauten - als erster Schritt zu "friedlicherer" Nutzung der grausamen Überbleibseln

Ab Mitte der 1960iger bis heute sind Millionen für eine unverständliche Beseitigung der Westwall Anlagen, den Betonfestungen des zwanzigsten Jahrhunderts bis jetzt ausgegeben worden. Wobei, Beseitigung, stimmt nicht. Denn die Bunkerdecken mit Stärken bis 3,5 m, sind nur zertrümmert, und alles an Ort und Stelle beerdigt worden.


Neue "Kultur"-Landschaft in der Nähe zu Pirmasens. Die beiden vorderen Bunker sind schon 1967 übererdet, aber nicht zertrümmert worden, der lang gestreckte im Hintergrund erst im Jahr 1996. Letzterer wurde zwar zusammen mit den andern auch übererdet, später dann aber wieder ausgegraben, die Decke zertrümmert und anschließend verschüttet.

BUND erfolgreich beim Erhalt der neuen grünen "Kunst" - Biotope

Schon seit vielen Jahren setzt sich der BUND Rheinland-Pfalz aktiv für den Erhalt der Bunkeranlagen ein. Diesen Anstrengungen ist es zu verdanken, dass im Jahr 2004 endlich das rheinland-pfälzische Umweltministerium eine Verfügung erließ, die „Totalzertrümmerung und Übererdung nur noch in einzelnen, begründeten Fällen“ erfolgen wird. In dem Erlass wird verfügt, dass


  • felsähnliche Strukturen, große Hohlräume und Wasserflächen zu erhalten sind;
  • der Verkehrssicherungspflicht mit minimalem Aufwand nachzukommen ist;
  • bei der Gefahrensicherung die Naturschutzbehörden und Experten der Naturschutzverbände beteiligt werden.


Verbliebene Reste: 60 Jahre unberührt; vom Menschen ungenutzt, aber dem Naturschutz von Nutzen. Neben zahlreichen Moosen, sind Schnecken, Käfer, Fliegen, Hummeln, und eine Vielzahl von Vögeln hier zuhause.

Mittlerweile bewertet die rheinland-pfälzische Denkmalfachbehörde den Westwall insgesamt mit allen noch erkennbaren und ihm eindeutig zuzuordnenden Teilen als eine denkmalrelevante Sachgesamtheit. Der BUND Nordrhein-Westfalen hat sich im Zuge des Projektes „Grüner Wall im Westen“ das Ziel gesetzt, naturschutzfachlich bedeutsame Westwall-Anlagen in der nordrhein-westfälischen Eifel auf Grundlage eines zu erarbeitenden ökologisch-historischen Gesamtkonzeptes vor dem Abriss zu bewahren, dauerhaft zu sichern und teilweise erlebbar zu machen. Der BUND Rheinland-Pfalz trägt durch sein Engagement weiterhin dazu bei, dass dem Naturschutz, der Einbindung der Bauwerke in die Kulturlandschaft und der historischen Bedeutung dieser Anlagen, in stärkerem Maße Rechnung getragen wird. Der BUND Rheinland-Pfalz als Natur und Denkmalschutzverband ist in diesem Jahr Mitglied in Verein zum Erhalt der Westwall Anlagen (Vewa) geworden, in dem eine ganze Reihe von Vereinen, Verbänden und Einzelmitglieder aus wissenschaftlicher, historischer oder naturschützerischer Sicht gibt, die sich dem Erhalt der Betonwehrbauten auf ihre Fahnen geschrieben haben. Eine Reihe von Spezialisten arbeiten hier Hand in Hand, um die Geschichte aufzuarbeiten, und andererseits die hier ungestörte Natur der letzten 60 Jahre zu bewahren. weitere Informationen zum Westwall Kontakte:


Ein Laufgraben in der Nähe zu Johanniskreuz, wie diese heute noch nach 60 Jahren kilometerlang in den Wäldern zufinden sind. Es sind Bodendenkmäler. Schanzarbeiten wurden 1944 fast nur von Frauen und Alten ausgeführt.

Tag des offenen Denkmals 2005

Etwas über einhundert Gäste konnten am Tag des offenen Denkmals 2005 zum Thema "Krieg und Frieden" bei den Führungen der Vewa, dem "Verein zum Erhalt der Westwall Anlagen", begrüßt werden.

Während in Oberotterbach sechzig Gäste kurz vor der Führung von einem Regenguß überrascht wurden, so dann im Feuerwehrhaus Schutz suchen mußten, kamen die 45 Gäste die in Steinfeld, den Panzergraben und die Höckerlinie kennen lernen wollten, mit nassen Füße davon. Hier übernahm der BUND Pirmasens die ökologische Seite der Führungen, und konnte die Ausführungen zum Endstehen und der Zeit der Kämpfe um Steinfeld, von Dr. Karl Ludwig und Rolf Werling beide von der Vewa, mit den heutigen Nutzen der unverrückbaren Denkmäler für die Natur ergänzen.

Keiner von uns hatte zuvor erwartet, daß soviel Interesse an der Arbeit von Vewa und BUND am Westwall bestehen würde.

Schon bei der Vortour, die am Wochenende zuvor gemacht wurde, wurden wir spontan von einer Busreisegruppe aus Oppenheim begleitet. Die hatten wohl ihr eigenes Programm, doch wurden etliche lange Gespräche geführt, und auch ein Wiedersehen verabredet.

Die "unrühmliche" Geschichte

Vom Bodensee bis zu den Niederlanden

Ein grüner Tarnanstrich ist an den Betonklötzen, den Bunkerruinen an dem ehemaligen Westwall, der Grenze zu Frankreich heute kaum mehr zufinden. Grün sind diese Ruinen dennoch. Sie tragen aber nun das Grün der Moose und Flechten, der Kräuter, Sträucher und Bäume, die sie in den letzten 60 Jahren, überwucherten. Das Schicksal aller Ruinen.

Der Westwall bestehend aus Tausenden oberirdischen Betonbauten und hunderten Stollen zur Materiallagerung oder auch zur Verbindung einzelner Bauwerke. Vielen Kilometerlangen Panzersperren, Hindernisbauten wie die Höckerlinien, oder Stauwerke, begradigte Bäche und Flüsse als nasse Panzergräben entlang einer Linie vom Bodensee bis zu den Niederlanden. Das meiste wurde in einer Rekordzeit von etwa 15 Monaten bis Ende 1939 fertiggestellt.
Die meisten dieser vorgelagerten Betonhöckerhindernisse waren fünfzügig, was gegen Panzer bis 36 Tonnen Gewicht sicher sein sollte. Die Bunker, mal als Kampfstand oder nur als Unterstand mit angehängtem Kampfstand, waren in Kampflinien mit bis zu mehreren Kilometer Tiefe angelegt. Diese modernen Burgen aus Beton können noch heute in vielen Grenzabschnitten begangen werden.

Zeugnisse des Krieges

Der Westwall, der gigantische Bau oder das Bollwerk im Westen, wurde als Worthülse der NS-Propaganda besungen, gefilmt, auf Bierkrügen Ansichtskarten und in Zeitungen gedruckt. Aber das war dieses Bauwerk nie. Das ist nachzulesen bei Andreas Fußer:
http://www.andreas-fusser.de/nav/archiv/westwall.htm
http://www.andreas-fusser.de/nav/archiv/hohlgang.htm

Nutzung während des Kalten Krieges

Am Westwall starben 1944 bis 1945 Tausende Soldaten; der Ort ihrer Qualen wurde der Vergessenheit überlassen. Nach dem Ende der mörderischen Schlachten bis 1945, dem gegenseitigen Töten der Soldaten, des willkürlichen Tötens ziviler Menschen ist der Westwall in der folgenden Nachkriegszeit von 1946 bis 1949 gesprengt worden. Die Bunker waren Zeuge einer unrühmlichen Zeit, und sollten danach in der neuen Republik, nach Meinung vieler Politiker, aus der Geschichte getilgt werden. Geschichte eines Landes kann aber nicht einfach mit der Zertrümmerung seiner Relikte, auch nicht die einer frevelhaften Zeit, ungeschehen gemacht werden. Wir gedenken des Grauens der Kriege. Hass und Hetze, sind auch in unserer Zeit die Mahlsteine, an denen sich Menschen und ganze Völker zerreiben. Über die Ruinen der Betonwehrbauten, dem größten Wall aller Zeiten, ist die Zeit hinweg gegangen, und die Zeit heilt fast alle Wunden. Aber das macht nun diese Bauten wieder interessant. Es sind Denkmäler. Historisch sind es Bauten die in einer Linie mit den Ringwällen der Kelten, dem Limes der Römer, der Burgen und Stadtmauern des Mittelalters, den Festungen aus dem 19 Jahrhundert, und den Panzerfestungen des ersten Weltkrieges zu nennen sind.


Hier ein Bunker an der Blies im Saarland, mit einer Panzerkuppel wie diese auch in anderen Teilen am Westwall - auch im heutigen Biosphärenreservat Pfälzerwald - eingebaut waren.

Dem ungeachtet sind aber schon ab 1956, in der Zeit des Kalten Krieges, viele der Stollen für das Militär wieder hergerichtet worden. Nur die oberirdischen Bauten waren nicht mehr zu gebrauchen. Gesprengt, eingezäunt, übererdet. Wieder ausgegraben, mit gewaltigem Aufwand und mit großen Maschinen zertrümmert, sollten diese Wehranlagen des zwanzigsten Jahrhunderts dann endgültig aus der Welt geschaffen werden. Gleichzeitig sind neue Bunker entstanden. Nicht mehr ein Land sollte nun geschützt werden. Nein, nur noch eine Elite sollte einen Schutz bekommen. Viele Millionen Mark verschlingende Atombunker richteten sich die Herrschenden ein. Daneben entstanden eine Vielzahl von unterirdischen Anlagen für Militär und Kommunikation, gleichfalls für Millionen. Die meisten davon sind nun schon wieder nach wenigen Jahren überflüssig geworden. Erwin heißt einer davon. Der alleine hat Millionen gekostet.


Ein Stollen im Westen von Pirmasens, kurz nachdem die US Army diesen zum ersten Golfkrieg ausgeräumt hatten. Wie die meisten anderen Anlagen dieser Art, ist auch dieser vormals 1200 Meter lange Stollen gesprengt worden. Eine Grubenbahn sollte auf der Hochfläche liegende Bunker verbinden und mit Nachschub versorgen.


Ein Stollen, der fünf an einer Straße liegende Bunker verbinden sollte. Er wurde nie fertig gestellt und im Jahr 1976 verschlossen. Das Foto entstand bei der letzten Begehung. Der Stollen ist heute ausschließlich den Höhlenbewohnern vorbehalten.


Verbindungsstollen einer größeren Anlage in der Nähe von Zweibrücken. Ein Hohlgangsystem das verschiedene Räume miteinander verbindet. Zehn Jahre nach dem das Militär die Anlage aufgab beginnen nun Fledermäuse mit der stillen Übernahme. Leider ist der Stollen am 01.03.05 aufgebrochen worden. Nun soll der mit massiven Toren verschlossen werden.




Mach mit!; Her mit den Mäusen



 

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