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Keine Rheinbrücke bei Rüdesheim

Position des BUND Hessen zu Plänen einer Rheinbrücke bei Rüdesheim

1. Geschichte und Hintergründe:

Von 1915 bis 1945 gab es schon einmal eine Eisenbahnbrücke von Rüdesheim nach Bingen. Diese Brücke hatte vorwiegend strategische Bedeutung und wurde 1945 von deutschen Truppen zerstört. Reste der Brücke sind heute noch an beiden Rheinufern und auf der Rüdesheimer Aue zu sehen. Sie werden von Wasservögeln gerne als Nist- und Ruheplatz genutzt. Seit vielen Jahren steht ein Wiederaufbau als Straßenbrücke in der Diskussion. Vor allem aus Gründen des Naturschutzes wurde schon einmal 1980 die Errichtung einer Brücke an dieser Stelle abgelehnt. Nun wird der Wunsch nach einer Straßenverbindung zwischen Rüdesheim und Bingen in Teilen der Bevölkerung und bei Kommunalpolitikern wieder verstärkt geäußert. Da es der öffentlichen Hand an den finanziellen Mitteln zum Bau einer Brücke mangelt, soll sie nach Vorstellung von Lokalpolitikern durch einen privaten Investor als Mautbrücke gebaut werden. Im Verlauf der Diskussion in den letzten Monaten regt sich aber auch verstärkt Widerstand in breiten Teilen der Bevölkerung, die derartigen Plänen ablehnend gegenüberstehen.



2. Derzeitiger Stand:

Februar 2001: Veröffentlichung einer Verkehrsuntersuchung

April 2001: Präsentation eines potentiellen Investors (französische EGIS-Gruppe) durch die Landräte Röttger (Rheingau-Taunus-Kreis) und Schick (Landkreis Mainz-Bingen), ohne Beschlüsse der politischen Gremien und ohne vorherige öffentliche Ausschreibung.

Juni 2001: Mittelbereitstellung zur Auftragserteilung für eine Machbarkeitsstudie.


3. Naturräumliche Situation:

Zwischen Eltville und Bingen erstrecken sich auf einer Länge von 17 km die vom Deutschen Rat für Vogelschutz mit dem Prädikat
Europa-Reservat ausgezeichneten Rheinauen. Gebildet wird das Europa-Reservat „Rheinauen“ von fünf Rheininseln und einem angrenzenden Rheinuferbereich mit den typischen naturnahen Auwäldern und seichten Stillwasserflächen. Die Inseln und besonders wertvolle Uferbereiche sind zusätzlich als Naturschutzgebiete aus­gewiesen. Mit dem 1976 erfolgten Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zu dem 1971 in der iranischen Stadt Ramsar unterzeichneten Abkommen zum Schutz international bedeutsamer Feuchtgebiete wurde das Europa-Reservat auch
Ramsar-Gebiet. Wegen seiner heraus­ragenden Bedeutung als Lebensraum, Überwinterungsgebiet und Rastplatz für Zugvögel wurden die Rheinauen 1979 nach der EU-Vogelschutz-Richtlinie als international bedeutendes Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Im Rahmen des europäischen Verbundnetzes „Natura 2000“ ist der Inselrhein in der ersten nach Brüssel gemeldeten Liste als FFH-Gebiet registriert.

Schon die Tatsache, dass die Rheininseln nahezu alle auf nationaler und europäischer Ebene geltenden Naturschutz-Stati haben, ist ein Indikator für deren hohen ökologischen Wert. Neben vielen hier brütenden gefährdeten Vogelarten, sind vor allem in den Wintermonaten in die Zehntausende gehende Ansammlungen von Wasservögeln zu beobachten. Aber auch floristisch weist das Gebiet mit seinen Auwäldern, Schilfgürteln und Feuchtwiesen einen hohen Artenbestand aus.

Die Rheinauen sind für Westdeutschland ein einzigartiger Lebensraum und nehmen im deutschen Binnenland eine Spitzenstellung unter den Feuchtgebieten ein.


4. Auswirkungen einer Brücke auf die Rheinauen und den Rheingau:

Für den Fall, dass es zum Bau einer Rheinbrücke an dieser Stelle käme, sind vielfältige Negativfolgen dauerhafter Art zu erwarten. Betroffen wären vor allem die Bereiche Naturschutz, Landschaftsbild und Fremdenverkehr sowie Wirtschaft und Verkehr.

4.1 Bereich Naturschutz

Mit dem Bau und Betrieb einer Brücke über die Rüdesheimer Aue und durch Randbereiche der zu Rheinland-Pfalz gehörenden Ilmen-Aue wird eine ökologische Einheit zerschnitten und in seiner Funktionalität nachhaltig gestört. Auf der Rüdesheimer Aue gingen Tagesruheplätze, Schlafplätze und Brutplätze von Wasservögeln verloren. In den Flachwasserzonen der Ilmen-Aue würden Lebensräume für Limikolen und in den Uferbereichen Feuchtwiesen und Auwälder beeinträchtigt.

Durch Lärm, Abgase, Abfälle und Salzstreuung kommt es zu vielerlei Störungen und Beeinträchtigungen. Eine Brücke stellt, wie auch Verkehrstrassen zu Lande, eine Barriere für die Raum-Bewegung der Tiere dar. Sie verändert das Raum-Zeit-Muster für die Nahrungssuche wird durch sie verändert.

Ein gravierendes Störelement ist in der aus Verkehrssicherheitsgründen notwendig nächtlichen Beleuchtung des Verkehrsweges und dem Scheinwerferlicht der Fahrzeuge gegeben. Die Lichter sind Störelemente in der nächtlichen Schlafphase, aber auch Anlockung und Todesfalle für Insekten.

Auf Grund seines besonderen Status gemäß Naturschutzrecht, ist der Bau einer Brücke an dieser Stelle des Rheins nicht genehmigungsfähig. Mit der Meldung als
FFH-Gebiet unterliegt der Inselrhein einem besonderen Schutz. Diese eigentlich allen politischen Kräften vertraute Tatsache, wird bisher beharrlich ignoriert. Es werden nötig Gelder ausgegeben, die besser für Maßnahmen zum Erhalt und Verbesserung der Rheinauen verwendet werden sollten. Denn:

Gemäß Art. 6 Abs. 2 der FFH-Richtlinie gilt die Verpflichtung, geeignete Maßnahmen zu treffen, um die Verschlechterung der natürlichen Lebensräume und der Habitate der Arten (Verschlechterungsverbot) sowie Störungen von Arten, für die die Gebiete ausgewiesen zu vermeiden, sofern solche Störungen sich im Hinblick auf die Ziele der Richtlinie erheblich auswirken könnten (Störungsverbot). Das Verschlechterungs-
und Störungsverbot hat das Ziel, den Zustand eines Gebietes zu sichern und damit den Grund der Unterschutzstellung zu erhalten.

Die Richtlinie unterscheidet weiterhin zwischen der Verschlechterung von Lebensräumen und Habitaten einerseits und der Störung von Arten andererseits. Bei den Lebensräumen und Habitaten sind jegliche, auch nur geringfügige Verschlechterungen verboten bzw. durch entsprechende Gegenmaßnahmen zu verhindern. Bei den geschützten Art greift das Verbot nur, wenn sich Störungen erheblich auf die Ziele der Richtlinie auswirken.

Ausnahmen von diesen Verboten können nur im Zusammenhang mit der Gesundheit des Menschen und der öffentlichen Sicherheit oder im Zusammenhang mit maßgeblichen günstigen Auswirkungen für die Umwelt oder, nach Stellungnahme der Kommission oder anderen zwingenden Gründen des überwiegend öffentlichen Interesses geltend gemacht werden.

Anstatt ein gemeldetes FFH-Gebiet durch fragwürdige Baumaßnahmen zu gefährden, fordert der BUND die maßgeblichen politischen Ebenen auf, der ebenfalls in der FFH-Richtlinie vorgegebenen Auflage zu folgen, Maßnahmen zu ergreifen das Gebiet auf Dauer in seinem Wert zu sichern bzw. Konzepte zu erarbeiten das Gebiet im Sinne des Biotop- und Artenschutzes positiv weiterzuentwickeln.


4.2 Landschaftsbild und Fremdenverkehr

Jeder Besucher des Rheingaus und des romantischen Mittelrheintals weis den attraktiven und durch kein störendes Bauwerk beeinträchtigten Blick vom Inselrhein hinein in das sich veren­gende Mittelrheintal sowie aus dem Mittelrheintal heraus auf den sich weit ausdehnenden Rhein mit seinen Inseln und Auen zu schätzen. Der Rhein zwischen Mainz/Wiesbaden und Koblenz/Lahnstein ist eines der attraktivsten und meistbesuchten Reiseziele Deutschlands. In vielen Ländern der Welt sind die Weinorte im Rheingau mit dem berühmten Rüdesheim und die malerischen Orte und Burgen des engen Mittelrheintals und die Loreley bekannt.

Auswärtige Besucher werden kaum Verständnis dafür aufbringen, wenn die der Pforte zum engen Mittelrheintal zwischen Bingen/Rüdesheim und Koblenz/Lahnstein, dessen Ausweisung als Unesco-Weltkulturererbe angstrebt ist, durch ein Brückenbauwerk verbaut ist.
Bei Fahrgastbefragungen auf den Fähren bei „Tal Total“ am 24. Juni 2001 haben Auswärtige und Urlauber sich überwiegend ablehnend zu Brückenplänen geäußert.

Ein von den Tourismusverantwortlichen angestrebter qualitativ hochstehender Tourismus kann nur dann erreicht werden, wenn das gastronomische Angebot qualitativ verbessert wird und die Attraktionen im kulturellen Bereich im Einklang mit dem Erhalt der Landschaft stehen. Mit dem Bau einer Rheinbrücke und dem damit verbundenen Verkehrszunahmen ist dies nicht zu erreichen.

Es zeugt von wenig Weitsicht, wenn der Blick vorrangig auf die über den Flughafen Hahn einreisenden Tagestouristen gerichtet ist. Mit der Rheinromantik wesentlich stärker verbunden ist die Fahrt auf dem Wasser mit der Möglichkeit auch bei Anreise per Fahrrad, Bus, Bahn oder auch dem eigenen PKW an vielen Stellen den Fluß mit einer Fähre zu überqueren.



4.3 Verkehr

Wenn auch die Landräte von
Rheingau-Taunus-Kreis und dem Landkreis Mainz-Bingen stets betonen, es sollte lediglich eine zweispurige Brücke für den lokalen Verkehr entstehen, deren Inanspruchnahme sich durch Höhe der Maut regulieren ließe, ändert dies nichts an der Tatsache, dass Verkehrswege zusätzlichen Verkehr bedeuten. Kraftfahrer werden sich immer den Weg mit dem geringsten Widerstand (Stau) suchen, um an ihr Ziel zu gelangen, wenn ihnen dazu die Möglichkeit geboten wird.

Selbst lokaler Verkehr wird zu zusätzlichen Belastungen in den Rheingau-Kommunen führen, müssen doch die Fahrzeuge erst zur Brücke gelangen und können im Unterschied zu heute nicht die Rheinfähre
Oestrich-Mittelheim – Ingelheim,
Rüdesheim – Bingen oder
Lorch – Niederheimbach nutzen. Nach den Aussagen von Fährbetreibern, wird der Fährbetrieb mit Fertigstellung einer Rheinbrücke unrentabel und daher eingestellt werden müssen. Anstatt die Planungen für den Bau einer Rheinbrücke, die es vielleicht niemals geben wird, weiter zu verfolgen, ist es sinnvoller in den Ausbau und die Verbesserung des Fährbetriebs zu investieren. Hiermit ist eine kurzfristige, ökologisch verträglicher und wesentlich billigere Verbesserung der Verkehrssituation möglich.

Die Idee, das Rheinufer im Rheingau durch Rückbau der Rheinuferstraße aufzuwerten, ist gewiß verlockend. Jedoch ist mit der gleichzeitig damit in Verbindung gebrachten Rheingau-Höhenstraße durch die Weinberge nicht nur die Zerschneidung der Weinlandschaft zu sehen. Es ist auch zu befürchten, dass die A 66 über Eltville hinaus verlängert wird und es über eine Rheinbrücke zu einem Lückenschluß mit der Autobahn bei Bingen kommen. Diesbezügliche Äußerung zu einer schnellen Verbindung der linken Rheinseite mit dem Ballungsgebiet Wiesbaden sind bereits mehrfach von Landespolitikern und den IHK´n der beiden betroffenen Bundesländer veröffentlicht worden. Sie sind auch Ziel der Landesplanung in Rheinland-Pfalz.


Fazit

Eine Brücke zwischen Rüdesheim und Bingen ist strikt abzulehnen, weil durch sie

- mit den Rheinauen eines der bedeutendsten Feuchtgebiete internationaler Bedeutung in Deutschland beeinträchtigt wird,

- die touristisch bekannte und von Besuchern aus aller Welt gerne besuchte Region mit seinen bekannten Orten im Rheingau und dem in Ausweisung zum Unesco-Weltkulturerbe befindlichen romantischen Rheintal abgewertet wird und

- unweigerlich eine Verkehrszunahme im motorisierten Individualverkehr zu erwarten ist.

Forderungen des BUND Hessen

Der BUND Hessen fordert als alternative zur Verbesserung der Verkehrssituation

- Ausbau des 24-stündigen Fährbetriebes in Bingen - Rüdesheim

- Verlängerung der Betriebszeiten bis Mitternacht an den anderen Fähre.

- Verkürzung der Fahrintervalle

- Verbesserung der Zufahrten

- Schaffung der Bus- und LKW-Zufahrt an den Fähren Oestrich-Mittelheim – Ingelheim und Lorch – Niederheimbach

- Einbindung der Fähren in den ÖPNV.

Der BUND Hessen fordert zur Stärkung des Naturschutzes:

- Vollzug der gemäß FFH-Richtlinie überfälligen Maßnahmen zum Erhalt und Verbesserung der Rheinauen

- Professionelle Gebietsbetreuung

- Umfassendere Information der Bevölkerung über das „Europa-Reservat Rheinauen“, vorzugsweise durch Einrichtung entsprechender Naturschutz-Zentren

- Bessere Überwachung der Betretungsregelungen.

Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen ist der BUND Hessen durch seinen Kreisverband Rheingau-Taunus-Kreis Gründungsmitglied des Vereins 24-Stunden-Fährbetrieb am Rhein und Mitinitiator des Aktionsbündnisses Rheinauen.




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