Hat der Luchs in Deutschland eine Zukunft?

07. Juni 2023 | Lebensräume, Luchs, Wildkatze

Hat der Luchs in Deutschland eine Zukunft?

BUND begrüßt weitere Ansiedlungen der seltenen Pinselohren

Mainz. Hat der Luchs in Deutschland eine Zukunft oder wird er wieder aussterben? Diese Frage beschäftigt den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Landesverband Rheinland-Pfalz anlässlich des „Tag des Luchses“ am 11.06.2023. Sabine Yacoub, Vorsitzende des BUND Rheinland-Pfalz: „Der Luchs ist in Deutschland weiterhin sehr selten und die kleinen Bestände leben isoliert. Ohne weitere Aussetzungen und die Biotopvernetzung wird der Luchs in Deutschland nicht überleben.“ Derzeit kommt die Großkatze in Deutschland nur in drei kleinen Populationen im Bayerischen Wald, im Harz und im Pfälzerwald vor.

Große Hoffnung setzt der BUND daher auf neue Projekte zur Bestandsstützung der seltenen Pinselohren. Von zentraler Bedeutung ist dabei ein Projekt im Thüringer Wald, an dem der BUND federführend mitwirkt. Dieses soll zwischen den Populationen im Harz und im Bayerischen Wald ein drittes größeres Luchsvorkommen etablieren.

In Rheinland-Pfalz verlief die Wiederansiedlung im Pfälzerwald erfolgreich und führte dazu, dass in den Nordvogesen zum ersten Mal seit 300 Jahren wieder Luchswelpen nachgewiesen werden konnten. Auch in Baden-Württemberg und Sachsen sollen in den nächsten Jahren Luchse ausgesetzt werden. Das besondere Interesse der Bundesländer an der Erhaltung der Luchse begrüßt der BUND sehr. „Der Luchs bereichert die Artenvielfalt. Die Akzeptanz des Luchses steht für die Wertschätzung, die der Mensch der Natur und ihren Geschöpfen entgegenbringt. Symbolhaft steht der Luchs somit für die Bereitschaft des Menschen, einen Beutegreifer in 'seinem' Wald zu akzeptieren. Die Akzeptanz des Luchses erhöht die Bereitschaft der Bevölkerung, seinen Lebensraum, den Wald, zu schützen!“, sagt Karl-Heinz Klein vom BUND Kaiserslautern und Vorsitzender des Vereins „Luchs-Projekt Pfälzerwald / Vosges du Nord e. V.“. Damit die Großkatze dauerhaft nach Deutschland zurückkehren kann, müssen die verschiedenen Vorkommen jedoch vernetzt werden.

Luchse sind wenig wanderfreudig. Sesshafte fortpflanzungsfähige Weibchen bilden das Gerüst einer Luchspopulation. Junge Weibchen siedeln sich im Regelfall nur in der Nachbarschaft anderer Weibchen an und auch die deutlich mobileren Männchen bleiben fast immer im Nahbereich eines Luchsvorkommens oder wandern nach einiger Zeit wieder dorthin zurück. In Verbindung mit einer geringen Nachkommenzahl bestimmt diese Ausbreitungsstrategie das langsame Wachstum der Population. Zusätzlich wird die Ausbreitung auch noch vom Straßenverkehr beeinträchtigt. Luchse werden oft Opfer des Autoverkehrs und viele Tiere kehren um, wenn sie auf eine größere Straße treffen. „Der weitere Aus- und Neubau der Autobahnen und Bundesstraßen erschwert das Überleben der Pinselohren. Zur Überwindung bestehender Barrierewirkung durch Straßen brauchen wir dringend mehr Grünbrücken“, fordert Karl-Heinz Klein.

Hintergrund

Zahl der Luchse in Deutschland

Der Bestand wurde bei der Tagung „Quo Vadis Lynx?“ am 10.05.2023 auf rund 200 Tiere geschätzt. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) veröffentlichte zuletzt die Schätzung für das Monitoringjahr 2019/2020. Danach lebten zum 30.04.2020 etwa 125-135 selbständige Luchse in Deutschland. Die Gesamtzahl der damals nachgewiesenen Luchse betrug 194 Individuen. Der kritische Erhaltungszustand des Luchses in Deutschland wurde bestätigt. Die bereits damals geforderte bundesweit abgestimmte Luchsstrategie gibt es bis heute nicht. Aktuellere Zahlen wurden für Deutschland nicht publiziert.

Quelle: BfN „Luchsvorkommen in Deutschland“ im Monitoringjahr 2019/2020 mit „Erläuterung zur Verbreitungskarte“ https://www.bfn.de/daten-und-fakten/luchsverbreitung-deutschland

 

Geringe genetische Vielfalt

Die zu geringe genetische Vielfalt der Luchspopulationen wurde in den Untersuchungen von

bestätigt. Das Ergebnis gilt für alle Populationen, die in Europa auf Wiederansiedlungen beruhen und zeigt den dringenden Bedarf nach weiteren Bestandsstützungen zur Populationsvernetzung und Vergrößerung der genetischen Vielfalt.

Zentrales Ergebnis einer Fachtagung im Harz mit Luchsexpert*innen aus mehreren europäischen Ländern: Ohne weitere Bestandsstützungen ist das Überleben der isolierten mitteleuropäischen Populationen nicht gesichert. Um dem Luchs in Mitteleuropa eine dauerhafte Zukunft zu schaffen, muss es gelingen, die Luchsvorkommen miteinander zu vernetzen. Mehr Informationen: https://www.luchsprojekt-harz.de/luchsprojekt/de/aktuelles/2023/2023_05_11_Luchstagung/ 

 

„Luchsland Deutschland“ - Aktivitäten des BUND

In Rheinland-Pfalz war der BUND Kooperationspartner des EU Life-Projektes der Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz zur Wiederansiedlung des Luchses im Biosphärenreservat Pfälzerwald/Nordvogesen. Mit der Wiederansiedlung wurde eine wichtige Forderung des BUND erfüllt. Mehr Informationen: www.bund-rlp.de/themen/tiere-pflanzen/luchs/

In Thüringen bereitet der BUND bereits seit Jahren in enger Abstimmung mit dem Thüringer Umweltministerium und in Zusammenarbeit mit dem WWF Deutschland die Bestandsstützung vor. Ziel ist die Freilassung der ersten Luchse in 2024. Im „Wildkatzendorf“ in Hütscheroda wurde ein Gehege errichtet, in dem in Gefangenschaft geborene Luchse ohne Kontakt zu Menschen auf ein Leben in freier Wildbahn vorbereitet werden. Ob auch Wildfänge aus Rumänien ausgesetzt werden, wird von der Häufigkeit des Luchses in Rumänien abhängig gemacht. Die Bestandserfassung der Luchse in Zusammenarbeit mit rumänischen Forscher*innen ist deshalb ein Teilaspekt des Projektes. Mehr Informationen: www.bund-thueringen.de/luchs/thueringer-wald/  

In Sachsen macht der BUND vor allem Bildungsarbeit zum Luchs. Um heute über den scheuen Waldbewohner aufzuklären und vor allem Kinder und Jugendliche schon früh für das Thema Biodiversität zu sensibilisieren, hat der BUND Sachsen ein besonderes Konzept zur Umweltbildung entwickelt: den Luchs-Rucksack. Mehr Informationen: www.bund-sachsen.de/tier-pflanze/luchs/luchsrucksack/

In Hessen war der BUND einer der Initiatoren des verbandsübergreifenden Arbeitskreises Hessenluchs und stellt mit seinem Naturschutzreferenten Thomas Norgall seit der Gründung einen der Koordinatoren des AK Hessenluchs. Am 08.11.2011 konnte mit einer Fotofalle die erste Reproduktion des Luchses nach seiner Ausrottung in Hessen nachgewiesen werden. Der AK Hessenluchs erstellt im Auftrag des Hessischen Umweltministeriums jährlich den Luchsbericht. Mehr Informationen: www.bund-hessen.de/luchs/  

„Der BUND Bayern hat zwischen 1982 und 1989 die Freilassung von insgesamt 17 Luchsen auf dem Gebiet des heutigen Nationalparks Sumava finanziell und organisatorisch unterstützt. Diese Luchse bildeten den Grundstock für die heutige Böhmerwald-Population im Grenzraum von Tschechien, Österreich und Deutschland. Seit Jahren fordert der BUND eine Bestandsstützung in Bayern. Das BUND- Memorandum „Der Luchs soll wiederkommen“ stellt das fachliche Konzept dafür dar. Mehr Informationen: www.bund-naturschutz.de/tiere-in-bayern/luchs

In Baden-Württemberg arbeitet der BUND in der Arbeitsgruppe Luchs und Wolf des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz und des Umweltministeriums, die sich fachlich beratend für eine konfliktarme Koexistenz mit dem Luchs in Baden-Württemberg einsetzt, sowie bei der Erarbeitung eines Managementplanes mit. Außerdem beteiligt sich der BUND am Ausgleichsfonds Luchs, der im Schadensfall Ausgleichszahlungen an Nutztierhaltende unbürokratisch auszahlt. Mehr Informationen: www.bund-bawue.de/luchs/

 

 

Für Rückfragen

Karl-Heinz Klein, 0160-96949528

Sabine Yacoub, 0174-9971892

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