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BUND Landesverband
Rheinland-Pfalz

Jagd auf Gänse

03. Dezember 2004 | Gefährdete Tiere und Pflanzen

Gemeinsame Presseerklärung von NABU, Naturfreunde, ÖJV und BUND Naturschutzverbände gegen Jagd auf Gänse Bisheriges Jagdverbot für Grau- und Kanadagans soll aufgehoben werden

Die rheinland-pfälzischen Naturschutzverbände BUND, NABU, NaturFreunde und der Ökologischen Jagdverband (ÖJV) sprechen sich gegen Jagd auf Gänse aus. Wie Vertreter der Verbände heute in Mainz mitteilten, sei für sie eine Jagdzeit im August (Graugans) und vom 1. November bis 15. Januar (Grau- und Kanadagans) nicht akzeptabel, u.a. auch deshalb, weil jeweils nur weniger als 90 Paare in Rheinland-Pfalz brüten. Die Verbände fordern, die bisherige ganzjährige Schonzeit beizubehalten.

„Mit weniger als 90 Paaren ist die Population immer noch instabil und längst nicht gesichert.“ so Dr. Erwin Manz vom BUND. In manchen Jahren komme es wegen Hochwasser zur Brutzeit regional sogar zum totalen Brutausfall bei der Graugans. Dies mache die Population anfällig. Die heutige Grauganspopulation sei auf eine Wiederansiedlungsmaßnahme des Landesjagdverbandes zurück zu führen. Heute wolle der gleiche Verband sein damaliges Schutzobjekt wieder schießen.

Außerdem handele es sich um ziehende Arten. Alljährlich überwintern viele nordische Gänse in Rheinland-Pfalz. Diese Wintergäste zu schießen bedeute z.B. die finnische Population zu dezimieren, ohne zu wissen, ob sie gefährdet ist. „Damit stellt sich die Landesregierung auf eine Stufe mit den südeuropäischen Vogeljägern, die unsere Brutvögel im Winterquartier töten“, so Friedrich Wulf, Naturschutzreferent des NABU.

Als einen Skandal empfinden es die Verbände, dass Rheinland-Pfalz der EU-Verpflichtung entsprechend Schutzgebiete für die Gänse ausgewiesen habe und jetzt dort den Abschuss erlaube. Weder in der Jagdzeitenverordnung noch in den Schutzgebietsverordnungen sei die Jagd in Gänseschutzgebieten eingeschränkt.

Besonders problematisch erachten es die Verbände, dass neben den zum Abschuss freigegebenen Graugänsen unweigerlich auch andere, geschützte Wintergäste getötet würden. „Kaum ein Jäger kann eine fliegende Saatgans von einer dahinterfliegenden Graugans unterscheiden. Selbst bei sitzenden Tieren wird das den meisten nicht gelingen“, so Gerhard Postel, Vertreter des Ökologischen Jagdverbandes und selbst praktizierender Jäger.

Leichtfertig würde das Töten von Wildtieren zugelassen, ohne dass die angeführten landwirtschaftlichen Schäden überprüft würden. „Wie hoch die landwirtschaftlichen Schäden tatsächlich sind, wurde nie ermittelt. Da landwirtschaftliche Schäden nicht im Winter, sondern nur während der Brut entstehen, wird durch die Tötung von Wintergästen auch keine Reduzierung dieser angeblichen Schäden erfolgen“, so Jürgen Schade von den NaturFreunden. Wenn Jagd mit solchen Begründungen legitimiert würde, dann könnte Spanien die Jagd auf unsere Kraniche eröffnen, die dort zu 100.000 überwintern und auf den landwirtschaftlichen Flächen große Schäden anrichten.

Für die Verbände gibt es keine Rechtfertigung für die Jagd auf Gänse in Rheinland-Pfalz. Ohne vernünftigen Grund zu Töten sei auch tierschutzwidrig, weshalb sich der Tierschutzbeirat beim Ministerium gegen die Gänsejagd ausgesprochen habe. Die Verbände fordern die Landesregierung auf, von einer Rechtsverordnung Abstand zu nehmen. Sie widerspräche ökologischen Grundsätzen. Schäden seinen marginal und punktuell. Der Schutz für die Landwirtschaft vor möglichen, nicht belegten Schäden stehe in keinem Verhältnis zum dringenden Schutzerfordernis. „Hier soll im wahrsten Sinne des Wortes mit Kanonen nach Spatzen geschossen werden. Nur, dass es keine Spatzen, sondern imposante Gänse sind“, so Friedrich Wulf.

Hintergründe

Gänsejagd ist nicht nachhaltig

Die Verbände akzeptieren die Jagd als eine legitime Form der Landnutzung, wenn sie nachhaltig betrieben wird. Für eine nachhaltige Jagd müssen mehrere Kriterien erfüllt sein:

  1. Die bejagten Tiere müssen verwertet werden. Es wird oft vorgeschoben, dass Gänse gut schmecken. Das trifft auf junge Gänse vielleicht noch zu, ausgewachsene Gänse sind zäh und fast nicht genießbar. Schon Friedrich Naumann(1780-1856), der Begründer der deutschen Vogelkunde und selbst großer Vogeljäger führte dazu aus: „Dagegen ist das Fleisch der Alten, ... sehr zähe und trocken, wenn sie sehr alt, beides in so hohem Grade und so saftlos, dass es nur durch besondere Vorkehrungen, durch Beizen in Essig, eine Zeit lang durch und durch gefrieren lassen und andere Mittel kaum genießbar zu machen ist.“. Die Martini-Gans wird also weiterhin aus der Tierhaltung kommen und nicht aus der Wildbahn.
  2. Die gejagten Arten dürfen nicht im Bestand gefährdet sein. Obwohl Grau- und Kanadagänse in den letzten Jahren in Rheinland-Pfalz zugenommen haben, sind die Brutbestände noch so gering, dass es nicht vertretbar ist, sie zu bejagen. (Näheres zu den Bestandszahlen siehe unten)
  3. Durch die Jagd dürfen keine anderen Arten negativ beeinträchtigt werden. Die Verwechslung mit anderen Gänsearten ist nicht zu vermeiden. Selbst versierte Ornitho-logen haben oft Schwierigkeiten, die ähnlich aussehenden Arten sicher zu bestimmen. Jä-gern dürfte das überhaupt nicht möglich sein, besonders im Fluge nicht. Fehlabschüsse von im Winter mit den Graugänsen vergesellschafteten Saat- und Blässgänsen sind nicht zu vermeiden. Diese Arten werden somit beeinträchtigt.
  4. Die Lebensräume dürfen durch die Jagd nicht beeinträchtigt werden. Die Gänse halten sich im Winter überwiegend in besonderen Rastgebieten auf, die z.T. deshalb als EU-Vogelschutzgebiete ausgewiesen wurden. In diesen Gebieten überwintern aber auch noch viele andere Wasservogelarten (nord. Enten, Säger, z.T. Schwäne, usw.) Wenn der erste Schuss fällt, werden alle diese überwinternden Arten aus diesem Lebensraum flüchten, der durch die Jagd erheblich beeinträchtigt wird.

Im Ergebnis bedeutet dies, dass Gänsejagd nicht nachhaltig durchgeführt werden kann und von uns abgelehnt wird.

Bestand der Graugans in Rheinland-Pfalz

Die Graugans wurde vor ca. 30 Jahren u.a. vom Landesjagdverband in Rheinland-Pfalz angesiedelt. Von Gensingen aus breitete sie sich langsam entlang des Rheins aus. Der aktuelle Bestand liegt bei etwa 80 Brutpaaren. 2004 wurden nur etwa 65 Brutpaare festgestellt. Etwa 90 % des Brutbestandes brütet in drei Gebieten: Engerser Feld bei Koblenz, Inselrhein zwischen Bingen und Ingelheim und Eich-Gimbsheimer Altrhein. Neben den Brutpaaren gehören noch etwa 500 Nichtbrüter zur rheinland-pfälzischen Population, die sich wahrscheinlich ganzjährig im Land aufhalten.

Etwa ab September kommen bereits die Wintergäste aus anderen Ländern zu uns. Sie sind vergesellschaftet mit anderen „grauen“ Gänsen, also Saat- und Blässgänsen. Im November können sich dann schon einmal über 3.000 Gänse in Rheinland-Pfalz aufhalten. Im Vergleich dazu: NRW hat etwa 200.000 Gänse als Wintergäste!

Bestand der Kanadagans in Rheinland-Pfalz

Die Kanadagans ist 1878 in England und 1920 in Schweden angesiedelt worden. der heutige Brutbestand in beiden Ländern dürfte bei ca. 20.000 Brutpaaren liegen. Wahrscheinlich hat sie sich von hier aus in ganz Mitteleuropa verbreitet.
Die ca. 80 Brutpaare und ca. 300 Nichtbrüter in Rheinland-Pfalz konzentrieren sich auf die O-berrheinniederung. Im Winter kommen dazu die Wintergäste aus England und Schweden.

Sozialverhalten der Gänse

Schon Konrad Lorenz hat auf die ausgeprägte Sozialstruktur der Gänsefamilien hingewiesen. Die jungen Gössel sind zur Zugzeit gerade 3 Monate alt. Sie brauchen daher auf dem Zugweg, der ihnen nicht angeboren ist, sondern erlernt wird, die Führung der Altgänse. Selbst im zweiten Winter brauchen sie den Familienverband noch.
Werden aus der Familie die führenden Gänse abgeschossen, bedeutet das für die Familie eine Katastrophe für das Überleben im Winter, und es ist unter den Gänsen zugleich der Anlass tiefster Trauer, weil die Liebe ein Leben lang währt. Bei Abschuss eines Altvogels verpaart sich der Partner oft nicht mehr. Vor allem die allein den Liegewiesen zuliebe eingeführte Schusszeit im August ist in höchstem Maße verantwortungslos. Gänsejagd ist absolut tierschutzwidrig.


Landwirtschaftliche Schäden durch Gänse ?

Gänse ernähren sich rein vegetarisch und weiden auch auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Der größte Teil der von ihnen im Winter verzehrten Pflanzensubstanz wird durch Regenerationsleistung der Pflanzen vollständig wieder ersetzt. Vergleiche von abgeweideten Flächen mit nicht beweideten Vergleichsflächen unmittelbar vor der Ernte zeigten kaum Unterschiede.
Die Weidetätigkeit der Vögel führt nachweislich nur in einem kleinen Teil der Fälle zu wirtschaftlichen Schäden und spürbaren Ertragseinbußen für landwirtschaftliche Betriebe. Weideschaden ist nicht gleich Ernteschaden.
Schwieriger ist die Situation während der Brutzeit. Hier kann die Weidetätigkeit in Sonderkulturen, wie Gemüse, lokal zu Ertragseinbußen führen. Abwehrmaßnahmen können die Gemüsefelder jedoch wirksam schützen. Die Jagd im Winter ist kein geeignetes Mittel, landwirtschaftliche Schäden während der Brutzeit zu verringern. Da dabei zum großen Teil Wintergäste ge-schossen werden, wird sich die rheinland-pfälzische Population und damit die landwirtschaftlichen Schäden nur wenig verringern.
Die Bejagung führt im Winter zu einer verstärkten Fraßtätigkeit. Die aus einem Gebiet verjagten Vögel sind gezwungen, auf andere Nahrungsflächen auszuweichen. Dort müssen sie zur Deckung ihres erhöhten Energieverbrauchs sogar ein Mehr an Nahrung aufnehmen.

Qualvolle Verendung vieler Gänse!

Wildgänse sind sehr aufmerksames, scheues Wild, das eine große Fluchtdistanz einhält. Des-halb wird sehr häufig aus zu großer Entfernung geschossen mit der häufigen Folge, dass durch das widerstandsfähige Federkleid das Tier nur verletzt, aber nicht getötet wird. Die vielen Bleischroteinschüsse führen dann oft zur qualvollen Verendung der Tiere.
Auch die Streuung des Bleischrotes beim Schuss auf fliegende Gänse führt dazu, dass neben dem eigentlichen Zielobjekt, die dicht daneben fliegenden Nachbarn einige Schrotkugeln abbekommen und an Bleivergiftung verenden.

Verseuchung unserer Gewässer

Gänse werden mit Schrot an Gewässern bejagt. Dadurch gelangt eine große Menge Bleischrot in die Gewässer, wo sie von Wasservögeln mit der Nahrung aufgenommen werden. Die Bleikonzentrationen geschossener Wasservögel ist teilweise so hoch, dass sie eigentlich als Sondermüll entsorgt werden müssten.

Perversion: Gänsejagd in „Gänseschutzgebieten“

Rheinland-Pfalz musste Zugvogelrastgebiete als EU-Vogelschutzgebiete ausweisen und hat dies auch für die Graugänse getan. Für diese Gebiete gibt es keine eigene Schutzgebietsverordnung, weil sie per Gesetz ausgewiesen wurden. Auch in Naturschutzgebieten gibt es in Rheinland-Pfalz so gut wie keine Einschränkung der Jagd. Da die Jagdzeitenverordnung eben-falls keine gebietsbezogenen Jagdeinschränkungen vorsieht, werden die Gänse zukünftig in den für sie ausgewiesenen Schutzgebieten getötet werden – eine größere Perversion ist kaum vorstellbar.


Begründen landwirtschaftliche Schäden Jagdrecht?

Man stelle sich vor, es würde bekannt, dass südeuropäische Jäger Hunderte von Kranichen abschössen, weil die 200.000 überwinternden Kraniche erhebliche Schäden auf den spanischen Äckern verursachen. Man stelle sich vor, wir liefen Gefahr, deswegen künftig auf das beeindruckende Naturschauspiel des alljährlichen Kranichzugs verzichten zu müssen. Welch Empörung würde dies auslösen! - man wäre sofort mit ausländerfeindlichen Parolen zur Hand und würde Druck auf die entsprechende Regierung ausüben!

Nun macht die rheinland-pfälzische Landesregierung genau das selbe und stellt die Weichen für eine Reduzierung des Brutbestandes anderer Länder:
Sie will die Jagd auf Grau- und Kanadagänse zulassen! Ist der Aufschrei groß, wenn in südlichen Ländern auf Zugvögel Jagd gemacht wird, scheut man sich seitens des Umweltministeriums nicht eine generelle Jagdzeit auf Gänse wieder einzuführen. Dies obwohl sich auch die Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland gegen eine solche Regelung ausgesprochen hat. Begründet wird dieses Vorhaben mit landwirtschaftlichen Schäden, deren Höhe bisher noch nicht einmal ermittelt wurde. „Schäden“ treten nur punktuell auf. Im Bereich der SGD Nord stellen Schäden durch Gänse überhaupt kein Problem dar.  

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