Das bereits 1992 herausgebrachte und damals z. T. hochemotional aufgenommene Positionspapier des BUND unter dem Titel „Schnakenbekämpfung am Oberrhein“ kann auch heute noch als Grundlage für die jetzt wieder auflebende Auseinandersetzung um die Bekämpfungsmethoden im oberrheinischen Auenbereich dienen.
Es verstärkt sich denn doch der Eindruck, dass die „Kommunale Aktionsgemeinschaft zur biologischen Stechmückenbekämpfung (KABS)“ beim B.t.i.-Einsatz wohl eher mit einer breit streuenden Schrotflinte in das hochkomplexe Artengefüge der Rheinauen schießt, anstatt – wie sie von sich selbst behauptet – eine „zielgenaue“ Wirkung zu erreichen. Trifft sie mit den Schnaken ausschließlich die Richtigen? Und darf man die „Richtigen“ überhaupt so stark dezimieren? Exemplarisch deutlich werden diese Fragen an der Wichtigkeit der offenbar ebenfalls durch B.t.i. beeinträchtigten Zuckmücken, die „von allergrößter Bedeutung für den Nahrungshaushalt eines Gewässers sind“, wie schon damals vom BUND festgestellt wurde und auch heute von Dr. Holger Schindler, Gewässerbiologe und Vorsitzender des BUND, bestätigt wird. Und gehen neben den Stechmücken auch die Zuckmücken und evtl. weitere Insektenarten zurück, wird es zunehmend enger für Insektenfresser, wie Fledermäuse, bestimmte Vogelarten, Libellen und Fische. Die Untersuchung des südfranzösischen Instituts „Tour de Valat“ zeigte erstmals einen Zusammenhang des Rückganges von insektenfressenden Vogelarten durch den Einsatz von B.t.i. auf.
Bei allem Respekt vor dem grundsätzlich anerkennenswerten Ziel der KABS, bei der Mückenbekämpfung „umweltfreundliche und biologische Methoden und Techniken“ einzusetzen, kann sie nicht einfach davon freigesprochen werden, dass ihr Tun und Lassen den harten Kriterien von Wissenschaft und Forschung unterworfen wird.
Denn: Grundsätzlich gilt nach wie vor, was in der o. g. BUND-Position festgestellt wurde: „Allerdings liegen bisher nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zu dieser Fragestellung vor“.
Es reicht nicht aus, dass an der Universität Heidelberg, wo der wissenschaftliche Direktor der KABS als Dozent tätig ist, einige Diplom- und Doktorarbeiten zum Thema erschienen sind. Und der Satz „B.t.i. ist hochselektiv nur gegen Mückenlarven wirksam“, klingt schon etwas anders, wenn diese Aussage von der ICYBAC GmbH kommt, die unter www.icybac.de ihre Produktpalette vorstellt und eine hundertprozentige Unternehmenstochter der KABS ist.
Es muss einzig und alleine darum gehen, die direkten und indirekten Auswirkungen der aktuellen Praxis der Stechmückenbekämpfung und die Übertragbarkeit der Ergebnisse der französischen Studie auf die Oberrheinebene fundiert und unabhängig zu untersuchen.
Vor allem eines vermeidet die KABS konsequent, nämlich die Untersuchung indirekter Effekte der Bekämpfung. Wo B.t.i. eingesetzt wird, steigt der Besucherdruck auf die geschützten Auen – und dies vor allem in der sensiblen Brutzeit, im Frühjahr und im Sommer. Vermutlich dürften die mit der Bekämpfung verbundenen Störungen ähnlich gravierende Folgen haben, wie die direkten Auswirkungen auf die Lebensgemeinschaften.
Einige der Vorschläge des BUND für eine in Zukunft differenziertere Praxis bei der Stechmückenbekämpfung sind folgende:
- Flächennutzungs- und Bebauungspläne haben den Faktor Stechmücke zu berücksichtigen.
- Freizeiteinrichtungen und dichter besiedelte Bereiche sollen prioritären Schutz vor Stechmücken haben.
- Stechmückenbekämpfung ist in allen Naturschutzgebieten und anderen natursensiblen Zonen einzustellen.
Zitat aus der BUND-Position von 1992:
Ein Ökosystem ist niemals nur die Summe der dort lebenden Arten, sondern es bildet ein unüberschaubar dicht gewobenes Netz der Beziehungen einzelner Individuen und einzelner Arten untereinander.
Noch nie wurde bisher der Versuch unternommen, die Stellung der Stechmücken in diesem Netz zu beschreiben und zu quantifizieren. Man weiß also nicht, welche (indirekten) Folgen eine Vernichtung der Schnaken auf andere Arten oder gar das gesamte Ökosystem hat. Bei den riesigen Mengen, in denen Stechmücken in manchen Jahren auftreten, ist es undenkbar, dass eine Bekämpfung keine Nebenwirkung zeigt!
Für Rückfragen:
Bianca Goll, BUND-Landesgeschäftsstelle, Naturschutzreferentin, Tel.: 06131-62706-0
Ulrich Mohr, BUND Südpfalz; Tel.: 06347 - 6630