Fünf Jahre nach der Ahrtalflut: Hochwasserschutz muss in der Fläche ankommen

10. Juli 2026 | Flüsse & Gewässer, Quellen und Bäche, Boden, Klimawandel

BUND Rheinland-Pfalz fordert weniger Flächenverbrauch, mehr Raum für Gewässer und konsequenten Wasserrückhalt in der Landschaft

 (BUND, STOCKMAR-WALTER)

BUND Rheinland-Pfalz fordert weniger Flächenverbrauch, mehr Raum für Gewässer und konsequenten Wasserrückhalt in der Landschaft

Mainz. Fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal sieht der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Landesverband Rheinland-Pfalz weiterhin erheblichen Handlungsbedarf bei der Vorsorge gegen Hochwasser und Starkregen. Zwar wurden wichtige Erkenntnisse gewonnen, Datengrundlagen verbessert und erste Maßnahmen angestoßen, bei der konsequenten Umsetzung eines vorsorgenden und naturverträglichen Hochwasserschutzes besteht jedoch weiterhin großer Nachholbedarf.

„Die zentrale Erkenntnis aus der Flutkatastrophe ist, dass wir Wasser möglichst breit in der Fläche zurückhalten müssen. Böden müssen wieder mehr Wasser aufnehmen können, Gewässer und Auen brauchen mehr Raum und bei der Hochwasservorsorge müssen ganze Einzugsgebiete betrachtet werden“, erklärt Sabine Yacoub, Landesvorsitzende des BUND Rheinland-Pfalz.

Die Enquete-Kommission „Konsequenzen aus der Flutkatastrophe“ des rheinland-pfälzischen Landtags hat 2023 zahlreiche sinnvolle Maßnahmen empfohlen. Auch bei den Datengrundlagen und Analysen hat es Fortschritte gegeben. So stehen inzwischen beispielsweise landesweite Sturzflutgefahrenkarten zur Verfügung, die bei der Bauleitplanung berücksichtigt werden können. Einzelne Projekte, etwa zum Wasserrückhalt im Soonwald, zeigen, wie Hochwasservorsorge und Klimaanpassung in der Fläche aussehen können.

Gleichzeitig werden in Rheinland-Pfalz weiterhin täglich mehr als sieben Hektar Fläche neu in Anspruch genommen. Eine deutliche Trendwende ist bislang nicht erkennbar. Auch die Flüsse haben große Teile ihrer natürlichen Überschwemmungsflächen verloren. Nach einer aktuellen BUND-Recherche sind an der Saar 62 Prozent, am Rhein 39 Prozent und an der Nahe 28 Prozent der Überschwemmungsflächen verloren gegangen. Auch an Sieg, Lahn und Mosel fehlt den Flüssen heute ein erheblicher Teil ihres natürlichen Raums.

Mit der Novellierung des Landeswassergesetzes wurden zwar fünf Meter breite Gewässerrandstreifen eingeführt. Für die Entwicklung naturnaher Gewässer und Auen reicht dies jedoch nicht aus. Dabei dürfen nicht nur die großen Flüsse in den Blick genommen werden. Gerade auch die Revitalisierung der Auen kleinerer Gewässer kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Wasser in der Landschaft zurückzuhalten, den Abfluss zu verlangsamen und Hochwasserspitzen zu mindern.

„Wir müssen Gewässern und ihren Auen wieder mehr Raum geben – von den großen Flüssen bis hin zu den kleinen Bächen. Dafür brauchen wir breite Gewässerentwicklungskorridore, wirksame Instrumente, um die notwendigen Flächen zur Verfügung zu stellen, beispielsweise durch Bodenneuordnungsverfahren und Vorkaufsrechte. Außerdem müssen die zuständigen Behörden mit ausreichend Personal ausgestattet werden“, fordert Yacoub.

Investitionen stärker auf natürlichen Hochwasserschutz ausrichten

Eine falsche Schwerpunktsetzung zeigt sich aus Sicht des BUND auch bei den Ausgaben für den Hochwasserschutz. Nach einer aktuellen BUND-Recherche stehen in Rheinland-Pfalz 39,4 Millionen Euro für den technischen Hochwasserschutz lediglich 100.000 Euro für den ökologischen Hochwasserschutz gegenüber.

„Zwischen technischem und ökologischem Hochwasserschutz besteht ein starkes Missverhältnis. Angesichts der zunehmenden Wetterextreme müssen wir deutlich stärker in Maßnahmen investieren, die Wasser in der Fläche zurückhalten und zugleich Gewässer und Auen wieder in einen naturnäheren Zustand versetzen“, so Yacoub.

Ahrtal: Wasserrückhalt in der Fläche statt Konzentration auf Großprojekte

Auch im Ahrtal gibt es aus Sicht des BUND grundsätzlich positive Ansätze. Dazu gehört insbesondere, dass der Hochwasserschutz für das gesamte Einzugsgebiet der Ahr betrachtet wird. Kritisch sieht der Umweltverband jedoch die starke Konzentration auf 17 große Rückhaltebecken in Bachtälern.

„Die Konzentration auf 17 große Rückhaltebecken halten wir für eine falsche Schwerpunktsetzung. Diese Projekte wären mit erheblichen Eingriffen in Natur und Landschaft und enormen Kosten verbunden. Es ist fraglich, ob alle geplanten Becken tatsächlich umgesetzt werden können und Aufwand, ökologische Schäden und Schutzwirkung in einem angemessenen Verhältnis stehen“, erklärt Yacoub. „Statt sich auf wenige große Bauwerke zu konzentrieren, muss der Wasserrückhalt im gesamten Einzugsgebiet konsequent gestärkt werden. Wir brauchen viele dezentrale Maßnahmen und müssen der Ahr und ihren Zuflüssen überall dort mehr Raum geben, wo dies möglich ist. Technische Hochwasserschutzmaßnahmen können ergänzend sinnvoll sein, dürfen aber nicht zum zentralen Ansatz der Hochwasservorsorge werden.“

Kritisch sieht der BUND weiterhin den geplanten Bau der A1 im Einzugsgebiet der Ahr. Die zusätzliche Versiegelung erhöht bei Starkregen den Oberflächenabfluss und steht damit dem notwendigen Wasserrückhalt in der Fläche entgegen. „Es ist widersprüchlich, mit großem Aufwand neue Hochwasserschutzmaßnahmen zu planen und gleichzeitig mit dem Bau der A1 zusätzliche Flächen im Einzugsgebiet der Ahr zu versiegeln“, kritisiert Yacoub.

Positiv bewertet der BUND Planungen zur Verbreiterung der Ahr, insbesondere in Sinzig. Solche Maßnahmen müssen konsequent weiterverfolgt und bei Infrastrukturplanungen berücksichtigt werden. Auch der Wiederaufbau der B 266 im Bereich Heimersheim darf eine Verbreiterung und naturnähere Entwicklung der Ahr nicht verhindern.

Bundesweite Umfrage zeigt große Sorge vor mangelndem Hochwasserschutz

Dass weiterhin großer Handlungsbedarf besteht, zeigt auch eine aktuelle repräsentative Umfrage im Auftrag des BUND. In Rheinland-Pfalz antworten nur 34,7 Prozent auf die Frage „Denken Sie, dass Bund, Länder und Kommune an Ihrem Wohnort ausreichend auf Starkregen und Hochwasser vorbereitet sind?“ mit Ja. 

Hochwasserschutz und Dürrevorsorge gemeinsam denken

Der BUND Rheinland-Pfalz fordert, die wichtigen Erkenntnisse der Enquete-Kommission zur Betrachtung ganzer Einzugsgebiete nun konsequent umzusetzen. Dabei muss der natürliche Wasserrückhalt deutlich stärker in den Mittelpunkt der Hochwasservorsorge rücken. Dazu gehören eine deutliche Reduzierung des Flächenverbrauchs, die Wiederherstellung natürlicher Überschwemmungsräume und ein flächendeckender dezentraler Wasserrückhalt. Auch Land- und Forstwirtschaft müssen so weiterentwickelt werden, dass Böden mehr Wasser aufnehmen und speichern können. 

„Wir müssen unseren Umgang mit Wasser grundlegend verändern“, erklärt Yacoub abschließend. „Eine Landschaft, die Wasser aufnehmen und zurückhalten kann, schützt uns nicht nur besser vor Hochwasser und Starkregen. Sie hilft uns zugleich, Dürreperioden zu überstehen, stabilisiert den Landschaftswasserhaushalt und schafft Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Fünf Jahre nach der Ahrtalflut ist es höchste Zeit, aus den richtigen Erkenntnissen flächendeckend konkrete Maßnahmen zu machen.“

Weitere Informationen: 

Rückblick 2021: 

Für Rückfragen:

Sabine Yacoub, 0174-9971892, sabine.yacoub(at)bund-rlp.de 

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